Im Fokus: „Medizinische Versorgung im Spannungsfeld von Demografie und Wirtschaftlichkeit“

Präsident der Bundesärztekammer referiert beim VolksbankForum

Meinerzhagen, November 2015 Mit dem Präsidenten der Bundesärztekammer, Dr. Frank Ulrich Montgomery, haben am 10. November gut 200 Mitglieder und Kunden der Volksbank im Märkischen Kreis beim inzwischen vierten VolksbankForum in der Stadthalle Meinerzhagen einen begnadeten Redner kennengelernt. Sein Vortrag „Medizinische Versorgung im Spannungsfeld von Demografie und Wirtschaftlichkeit“ verdeutlichte anschaulich eine Reihe von Herausforderungen des deutschen Gesundheitssystems, die er im Anschluss mit einer fachlich versierten Runde aus Vertretern der Wirtschaft, Gesundheitsbranche und von der Volksbank auf dem Podium diskutierte.

Nach Theo Waigel, Margot Käßmann und Sascha Lobo war zum 4. VolksbankForum mit Dr. Frank Ulrich Montgomery erneut ein hochkarätiger wie prominenter Referent der Einladung der Volksbank im Märkischen Kreis in die Volmestadt gefolgt, wie Vorstandssprecher Karl-Michael Dommes bei der Begrüßung nicht ohne Stolz betonte. Der Ärztekammer-Präsident, selbst promovierter Mediziner, befasste sich in Meinerzhagen intensiv mit den Chancen der nächsten Generation auf eine gute medizinische Versorgung – sowohl auf Seiten der Ärzte als auch auf Seiten der Patienten. Dabei veranschaulichte er gekonnt die Brisanz der Problematik.

Zum Auftakt sagte er mit einem Augenzwinkern: „Das eigentliche Problem unseres Gesundheitssys-tems sind Sie mit Ihrer sozial unverträglichen Zählebigkeit." Deutlich ernster betonte Montgomery, dass alle Probleme des deutschen Gesundheitssystems hinlänglich bekannt seien, aber keines gelöst werde. Die Politik denke nur in Legislaturperioden, aber nicht langfristig. Außerdem schreibt er einer unangemessenen Überregulierung im Gesundheitssystem durch die Politik eine erheblich negative Wirkung zu. Das deutsche Gesundheitssystem sei qualitativ das Beste der Welt. Doch leider habe eine jahrelange ideologische „Schwarzmalerei" der Politik und vermeintlicher Experten das System und seine Qualität schlechtgeredet und so unangemessen Unzufriedenheit geschürt. Mit Blick auf die Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes (BIP) und die Kosten des Gesundheitssystems, die übrigens weniger stark gestiegen sind als das BIP, sagte er: „Dieselben Probleme, die wir mit der Finanzierung unseres Rentensystems bekommen, erwartet auch unser Sozialsystem im Gesundheitsbereich." Es werde heute nur für Kosten eingezahlt, die heute entstehen. Bei einer rückläufigen Zahl an Einzahlern werde der Beitrag zur Krankenversicherung zwangsläufig irgendwann steigen müssen. Die nachwachsende Generation werde aber nicht bereit sein, diesen Preis zu zahlen, sondern andere Lösungen suchen.

Dr. Frank Ulrich Montgomery erinnerte daran, dass die Bevölkerungszahl sinkt und dabei gleichzeitig immer älter wird. Im Alter steigen gesundheitliche Probleme und damit die Kosten der medizinischen Versorgung. Dies könne bei den Eckdaten des heutigen Sozialsystems nicht aufgehen. Hinzu komme, dass jüngere Generationen in Bezug auf ihre Arbeitskraft anders ticken. Seit 1970 habe sich die Jahresarbeitszeit im Schnitt von 2.000 auf rund 1.300 Stunden reduziert. Zudem leide auch die Gruppe der Mediziner unter der Demografie.

Der Referent stellte klar, dass sich die Finanzierung der Sozialsysteme nicht durch beliebige Beitragsanpassungen gestalten lasse. Infrage gestellt werden müsse daher die Leistung der Versorgung: Was zählt zur medizinischen Grundversorgung? Wie ist ein System finanziell auszusteuern, ohne Reibungsverluste zu haben? Wie lassen sich Patientenwege besser steuern, die heute aufgrund ihrer Art und Weise, Ärzte in Anspruch zu nehmen, selbst viel zur Ressourcenverschwendung im System beitragen? Diese Fragen müsse eine Gesellschaft und insbesondere die Politik beantworten. Das Problem dabei: Die jüngeren Generationen werden entweder nicht in der Lage oder nicht gewillt sein, die Kosten für das hohe Qualitätslevel zu tragen. Dabei warf Dr. Frank Ulrich Montgomery provozierend folgenden Aspekt auf: In naher Zukunft werden mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten in Deutschland älter als 60 Jahre sein, zahlen müssen aber die Jüngeren. Wenn aber Politik dem überwiegenden Wählerinteresse folgt, jüngere Generationen jedoch nicht mehr zahlen können oder wollen, könne das nicht funktionieren. Abschließend verwies er darauf, dass die aktuelle Flüchtlingsproblematik einen möglichen Ausweg positiv flankieren könne, da Flüchtlinge bei richtiger Integration dem demografischen Wandel entgegenwirken und das System damit auf breitere Füße stellen könnten.

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion standen neben dem Ärztekammer-Präsidenten zudem Friedrich-Ernst von Seidlitz von der Lennetz GmbH – einem Zusammenschluss von 57 in freien Praxen niedergelassenen Haus- und Fachärzten –, Michael Kaufmann, Geschäftsführer der Krankenhaus Plettenberg GmbH, Ingo Jakschies, Geschäftsführer des Gesundheitscampus Sauerland in Balve, Hans-Georg Miserre, Allgemeinmediziner aus Meinerzhagen-Valbert, und Volksbank-Vorstand Roland Krebs Rede und Antwort. Moderator Mirko Heintz lies dabei jeden Teilnehmer aus seiner Sicht die Herausforderungen und die individuellen Lösungsansätze schildern.

Die Ärzte Hans-Georg Miserre und Friedrich-Ernst von Seidlitz zeigten sich überzeugt, dass die Bedeu-tung von Allgemeinmedizinern nicht ausreichend honoriert wird, obwohl sie insbesondere für die Ressourcenverwendung im System als Koordinator der Versorgung sehr positiv wirken könnten. Zudem sehen beide die Nachfolgesuche für eine Praxis als schwierig bis unmöglich an und deshalb müssten Wege gefunden werden, junge Menschen früh für den Beruf zu begeistern. Montgomery ergänzte dazu, dass die Ärzteschaft ebenfalls ihren Teil zu dem Problem beitrage, dass immer weniger junge Menschen Allgemeinmediziner werden wollen, weil sie bereits in der Ausbildung suggeriert bekommen: zu viel Arbeit - zu wenig Geld.

Das Lennetz hat den Antritt, über Kooperationen eine strukturierte Versorgung sicherzustellen – vom Hausarzt über den Facharzt bis hin zum Krankenhaus. Idealerweise solle es zukünftig ein gemeinsames Budget geben, um ressourcenoptimiert zu arbeiten und Patientenströme richtig zu lenken. Dies sei aber eine große Herausforderung, weil auch oft Ärzte nur bedingt bereit seien, in einer solch engen Kooperation zu arbeiten. Deshalb habe das Netzwerk noch viel Arbeit vor sich.

Ingo Jakschies berichtet, dass das Modell GesundheitsCampus nach der Krankenhausschließung in Balve zwar keine Rundumversorgung vor Ort sicherstelle, es aber ein geeignetes Konzept sei, damit eine Grundversorgung vor Ort verbleibt. Darüber hinaus werde nicht nur ein ärztliches Angebot, sondern vermehrt auch andere Angebote rund um die Gesundheit – z.B. Pflegeangebote, Physiotherapie, Rehabilitationssport – unter dem Dach des Campus bereitgestellt.

Michael Kaufmann betont, dass das Krankenhaus Plettenberg zeige, dass Modelle der öffentlichen und der privaten Finanzierung funktionieren können. Er nimmt aber vor allem die kommunale Politik in die Pflicht, mehr für den öffentlichen Auftrag zur Gesundheitsversorgung zu tun. Er kritisiert dabei klar das Preissystem des Gesundheitssystems, das unabhängig von der Menge an Behandlungen vor Ort aufgestellt ist: So bekommt ein Krankenhaus mit 300 Geburten pro Jahr für eine Entbindung dasselbe, wie ein Haus, das 2000 Entbindungen jährlich durchführt. Dies führt seiner Meinung nach zu einer unverhältnismäßigen Begünstigung von Monopolismus. Montgomery hielt dem entgegen, dass eine sinnvolle Konzentration unter Aspekten der Qualitätssicherung, aber auch aus volkswirtschaftlicher Sicht erforderlich und nicht aufzuhalten sei. Seien die Rahmenbedingungen vor Ort dafür nicht gegeben, könne zwar ein Krankenhaus aufrechterhalten werden, die entstehende Kostendifferenz müsste aber vor Ort getragen werden.

Gesundheitsprojekte nicht nur aus volkswirtschaftlicher Sicht, sondern als Instrument der Gestaltung regionaler Attraktivität zu sehen, ist ein Aspekt, der die Volksbank im Märkischen Kreis dazu bewegt, Projekte wie den GesundheitsCampus Sauerland finanziell zu unterstützen, wie Volksbank-Vorstand Roland Krebs erläuterte. Darüber hinaus bietet das Kreditinstitut Medizinern eine fachlich fundierte Begleitung in Finanzfragen und ist in der Lage, Nachfolgeprozesse sowohl beratend als auch mit Finanzkonzepten zu unterstützen.

Für weitere Informationen oder Fragen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung:
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